Thomas Horn

 

 

Prolog

 

Ihr werdet Wasser schöpfen voll Freude aus den Quellen des Heils.

Jesaja 12,3

 

Französische Marquesainseln im Pazifik, April 2007

Es war nicht leicht, ihre einjährige Tochter in klösterlicher Obhut zurückzulassen, doch die Möglichkeit, Gott zu treffen, konnten sich Bruder Paul und seine Frau Ruth nicht entgehen lassen. Sie liebten ihren blonden Engel über alles, aber nach Monaten schlafloser Nächte, vollen Windeln und sexueller Frustration war es eine aufregende Abwechslung, das feuchte Holz ihres Schiffes zu riechen und sich mit aller Kraft am Ruder festzuklammern und gegen die Wogen des Meeres zu stemmen.

Paul schaute sich glücklich um, sah die rotglühende Sonne, die aus dem stillen Wasser ragte, lauschte dem rhythmischen Eintauchen der Ruder und dem Schnaufen der anderen. Einzig ein paar Haarsträhnen, die sich immer wieder aus seinem Zopf hervor mogelten und ihn im Gesicht kitzelten, ärgerten ihn.

Seine zierliche Frau saß vor ihm und ruderte kräftig mit. Ihr Schweiß, vermischt mit salziger Meeresluft, roch so verlockend, dass sich Paul trotz der großen Anstrengung unter seinem zerschlissenen Gewand eine Erektion leistete.

Sein Tagtraum endete, als der flache Boden des Dgong knirschend im weißen Sand zum Stehen kam. Wie einer Ameisenstraße folgend trugen die zwölf Brüder und Schwestern Körbe mit süßlich duftenden Gaben durch dichtes Gestrüpp. Vor einem steil aufragenden Massiv machten sie halt und knieten nieder. Bruder Paul wippte aufgeregt mit dem Oberkörper vor und zurück, versuchte sich an den Text zu erinnern. Schon oft hatte er genau hier das Gebet für Opfergaben gesprochen. Nervös rieb er die Stoppeln seines Kinnes. Er hatte es vergessen.

Das monotone Gemurmel der betenden Diener Gottes schwoll zu einem Brummen an, bis die gesamte Umgebung zu vibrieren schien. Ein paar Vögel flogen kreischend davon, die Gläubigen aber beteten unbeirrt weiter, bis es still wurde.

Wo gerade noch festes Gestein den Weg versperrte, klaffte nun eine Felsspalte. Paul seufzte erleichtert. Durch die Spalte kamen zwei in weiße Gewänder gehüllte Männer, doch während Bruder Paul half, ihnen die Körbe zu reichen, waren seine Gedanken bei Gott. War er schuld, dass Gott nicht persönlich gekommen war? Oft kamen nur seine Diener, dennoch spürte er sein schlechtes Gewissen. Er grübelte noch immer, als die Männer mit ihrer Belohnung erschienen: Dem heiligen Wasser Gottes. Einer nach dem anderen nahm tiefe Züge und gab die Karaffe weiter, bis auch Paul vom heiligen Wasser getrunken hatte. In tiefer Dankbarkeit knieten sie nieder und vibrierend schloss sich der Berg.

Schüttelnd und reckend beendeten sie ihre kauernde Pose und liefen wie ein Haufen abenteuerlustiger Kinder zurück zum Schiff. Nach einem ausgiebigem Mittagsmahl und dem Entschluss, täglich das Gebet zu üben, wischte Bruder Paul die letzten Gedanken daran, gesündigt zu haben, beiseite.

Sie beschlossen den noch jungen Tag auf einer naheliegenden Sandbank zu feiern und nachdem sie dort angelegt hatten, schälten sie sich aus ihren Kleidern, tanzten und lobten Gott laut singend.

 Ruth zog Paul lachend ins Meer, um ihrer Lust endlich freien Lauf zu lassen. Als sie sich nach ihrer geschlechtlichen Vereinigung im kristallklaren Wasser wieder lösten, entging Ruth, dass ihre Blutung einsetzte. Paul sah einen roten Schleier durchs Wasser ziehen, doch bevor ihm klar wurde, was er sah, war es bereits zu spät. Ein dunkler Schatten kam direkt auf sie zu.

„Schnell raus!“ Panisch zog er Ruth Richtung Strand, bis ihr alles durchdringender Schrei abrupt die Idylle beendete. Er umklammerte ihren rechten Arm mit beiden Händen und zog sie mit all seiner Kraft auf den Strand zu. „Du schaffst das“, brüllte er gegen ihre Schreie an. Nach einem Ruck strauchelte er und tauchte unter. Dabei sah er einem silbernen Barrakuda direkt in die Augen. Durch rote Wolken sah er Ruths zerfetzten Arm, zwischen blitzenden Zähnen. Noch unter Wasser begann Paul zu schreien und mit übermenschlicher Kraft schoss er nach oben. Die restlichen Meter zum rettenden Strand schafften sie in Sekunden. Alle waren aufgesprungen, ihnen zur Hilfe geeilt. Mit wildem Geschrei schlugen sie auf die Wasseroberfläche ein. Andere halfen Bruder Paul, Ruth an Land zu ziehen.

Paul starrte auf die Wunde, den zerfetzten Armstumpf, aus dem fontänenartige Blutströme pumpten. „Nein!“ Ihm wurde speiübel. Die Mutter seiner Tochter würde verbluten und ihn traf die volle Verantwortung dafür. „Weiß keiner, was man tun kann?" Verzweifelt sah er die hilflosen Gesichter der anderen. Mit starrem Blick betete er zu Gott, flehte um Verzeihung für sein Versagen. Ihm entging, dass zwei der Brüder fehlten, die kurz darauf mit einem großen Tuch zurückkamen. „Geht zur Seite und legt sie auf das Tuch.“

Paul schöpfte Hoffnung. Ein Stück des Tuches wurde abgerissen, um die Blutung zu stoppen. „Los! Drei auf jede Seite. Du hinten und du vorne. Hebt sie hoch - und los!" So schnell, wie der weiche Sand es zuließ, stapften sie los, ohne Ruth unnötig durchzuschütteln. Am Schiff angekommen, teilten sie sich, um sie hochhieven zu können. Als die Brüder im Schiff nach dem Tuch griffen, schrie Ruth erneut. Vor Schreck rutschte einem das Tuch aus den Händen und die Schwerverletzte fiel fast wieder ins Meer. Wimmernd lag sie schließlich auf Deck. Paul, immer noch betend, streichelte ihren Kopf. Alle anderen ruderten, was ihre Muskeln hergaben, doch die wenigen hundert Meter bis zur Gottesinsel kamen ihnen wie eine Ewigkeit vor.

In voller Fahrt rauschten sie auf den Sand und laut um Hilfe schreiend trugen sie ihre Schwester zum Berg. Dort trommelte Paul mit seinen Fäusten verzweifelt gegen den Fels. „Warum kommt niemand?"

Eine Schwester zeigte zitternd in die Runde. „Wir sind alle nackt, haben uns zu sehr gehen gelassen und vielleicht ist das die Strafe?“

Paul erwiderte nichts. Er wusste genau, wer die Schuld an diesem Unglück trug. Endlich vibrierte der Berg. Erschrocken rief Paul: „Kniet nieder!"

Wie Stunden zuvor kamen zwei Männer. „Bringt sie herein!“

Paul erstarrt vor Ehrfurcht, denn noch nie hatten sie Gottes Berg betreten. Modrige, kühle Luft schlug ihnen entgegen, als sie den weißen, im Dunkeln schimmernden Gewändern folgten. Der Gang endete in einer tropfsteinartigen Höhle. Kristalle unterschiedlicher Größen und Farben durchzogen das Gewölbe und leuchteten in diffusem Licht. Nach einer Weile der Gewöhnung konnten sie die gesamte Umgebung erkennen. Die Höhle war voller pechschwarzer, glänzender Steine und vor einem solchen blieben sie stehen.

„Legt sie hier ab, vorsichtig. Dann dürft ihr euch entfernen."

Der glatte Stein hatte die Größe eines Bettes und war hüfthoch. Auf der Oberseite besaß er eine Mulde. Paul legte für einen Moment seine flache Hand auf den Stein und wunderte sich. Eine angenehme Wärme ging von ihm aus.

„Geht jetzt und betet für sie." Paul wollte Ruth nicht alleine lassen, schaffte es aber nicht, den Männern Gottes zu widersprechen. Betend traten sie den Rückweg an.

Ruth erwachte zitternd vor Kälte, umhüllt von einem blutgetränkten Tuch. Sie versuchte ihren Kopf zu heben, doch der Blutverlust, zusammen mit pochendem Schmerz in ihrer linken Seite, ließ das nicht zu. Weinend wurde ihr klar, dass sie das Lächeln ihrer Tochter nie wieder sehen würde. Verzweifelt unternahm sie einen neuen Versuch, stützte sich auf ihren rechten Arm und instinktiv benutzte sie auch den linken. Der Schmerz, der sie dabei durchfuhr, schickte sie umgehend zurück in eine bewusstlose Welt ohne Träume, ohne Hoffnung.

Dann kam ER.

Wieder erwachte sie, doch diesmal schaute sie in tiefblaue Augen. Der Mann trug ein weißes Gewand und lächelte. Als seine Hand ihre Stirn berührte, weinte sie Tränen der Erleichterung. Ihre Brüder und Schwestern hatten sie nicht zum Sterben hergebracht, sondern um SEINE Hilfe zu empfangen. „Hab keine Angst. Es wird dir gleich besser gehen. Entspanne dich und vertraue."

Sie wurde ruhig und sie vertraute. Ihr wurde leicht, so leicht, dass sie glaubte zu schweben. Ihr eigener Atem und das stetige Klopfen ihres Herzens waren die einzigen Geräusche, die sie begleiteten. ER stand neben ihr und sah zu, wie aus der porösen Oberfläche des Steins warmes Wasser aufstieg. Die Verletzte lag bald vollständig darin, nur ihr Gesicht ragte noch heraus. Er klappte das Tuch zur Seite und als sie durch das steigende Wasser leichter wurde, zog er es unter ihr weg. Schwieriger war, den Knoten am Armstumpf zu lösen. Über sie gebeugt, summte er sie in Trance und während sie durch blühende Wiesen streifte, bearbeitete er mit einem kleinen Skalpell den Verband, bis er sich löste und mit dem Wasser über den Rand des Steins davon schwamm. Entspannt träumend schlief sie ein.

ER hatte nichts mehr zu tun. Für einen Moment genoss er den Anblick ihrer nackten Schönheit, dann ließ er sie allein.

Noch nie hatte sich Ruth so leicht und glücklich gefühlt. Ihren Körper hatte sie fast vergessen, als er sich durch ein angenehmes Kribbeln wieder in Erinnerung brachte. Es begann im Solarplexus und breitete sich schnell aus, nach unten in den Bauch, durch ihr Becken in die Beine. Nach rechts und links. Nach hinten, an der Wirbelsäule entlang Richtung Po und Kopf. Als das Kribbeln im Nacken ankam, schüttelte es sie. Es war wie ein lang anhaltender, durch den ganzen Körper wandernder Orgasmus. Schließlich kam das Gefühl zu ihrer linken Seite. Langsam kroch es über die Schulter in den Armstumpf, wurde stärker und kroch weiter. In den Arm, der heute den Hunger eines Barrakudas gestillt hatte. Sie glaubte ihn fühlen zu können, obwohl es dort keinen Arm mehr gab. Dann pochte und kribbelte ihre gesamte linke Seite, bis sie, überwältigt von diesen Gefühlen, erschöpft einschlief.

Ein Klappern ließ sie erwachen und während sie ihre Arme rieb, klapperte es schon wieder. Erschrocken schaute sie umher, erinnerte sich und wieder klapperte es. Sie zitterte. Sie war nackt und ihr war kalt.

Klappern. Sie biss die Zähne zusammen und das Klappern hörte auf.

Schlotternd erhob sie sich und stand nass tropfend neben dem Stein, doch dann fiel ihr Unterkiefer nach unten. Sie rieb sich die Arme – BEIDE!

Ihr Freudenschrei wurde von unzähligen Bergkristallen zurückgeworfen. Sie konnte es nicht fassen. ER hatte sie geheilt! Um den Stein tanzend schüttelte sie ihre Arme durch die Luft. Was für ein Erlebnis. Was für ein Glück! Sie musste es den anderen erzählen.

Die Spuren im sandigen Boden führten sie in einen Gang, der dunkler und enger wurde, bis sie stecken blieb. Still stand sie da, lauschte in die Dunkelheit. Sie war in einer völlig unbekannten Umgebung, ohne Licht, in einem engen Tunnel, nackt, hilflos. Und doch war sie entspannt und glücklich. Neugierig tasteten ihre Finger an unregelmäßig geformten Felswänden entlang, fanden aber keinen Ausgang. Hatte sie im Dunkeln eine Abzweigung verpasst? Tiefes Grollen gab ihr die Antwort und schlagartig wurde es hell. Reflexartig bedeckte sie ihre Augen und kniete nieder.

Zwei jubelnde Brüder hoben sie auf ihre Schultern, um sie, von den anderen tanzend begleitet, zum Schiff zu tragen. Sie schaute Paul an, der kein Wort heraus bekam. Dicke Tränen liefen ihm die Wangen herunter. Tränen des Glücks und des tiefen, unerschütterlichen Glaubens an Gott.