Kapitel 1
11:27 Uhr, Ruhr Universität in Bochum, 09. April 2007
Professor Dr. Julius Bruckner war auf dem Weg in eine Vorlesung, als sich seine auf dem marmorierten Boden schlurfenden Schritte mit dem Unheil verkündenden Gurgeln seiner Verdauung mischten. Wenige Meter vor dem Vorlesungssaal blieb er stehen, um sich mit dem Ärmel seiner braunen Strickjacke Schweißperlen von der Stirn zu tupfen. Stöhnend zwangen ihn Bauchkrämpfe in eine unnatürlich nach vorne gebeugte Haltung.
Immer schneller, dann wieder langsamer steuerte er die nächste Toilette an. Erleichtert es geschafft zu haben, nahm er in einer der zahllosen Kabinen Platz. Drei Stockwerke höher hatte er eine eigene Toilette, aber sie zu erreichen, wäre im wahrsten Sinne in die Hose gegangen. Zahllose Klosprüche später, hörte er Herrn Schmitt, seinen aktuellen Doktoranden, mit einer anderen ihm unbekannten, leicht kränkelnden, männlichen Stimme herein kommen. Diese röchelte überrascht: „Was soll denn der Scheiß? Wieso sollst du zu einem anderen Prof.?“ Professor Bruckner hörte Herrn Schmitt Nase schnauben. „Keine Ahnung, ich hoffe nur, dass es keine Verwaltungsschikane ist. Ich habe echt keinen Bock mehr auf Unistress. Wenn`s nur ein anderer Professor wäre, aber die Prüfung findet auch an einer anderen Uni statt, in Gießen.“
„In Gießen?“ Die röchelnde Stimme sagte das mit einem Ekel, als wäre dort eine militärische Sperrzone. „Wann soll das stattfinden?“
„Den Termin haben sie nicht geändert, immer noch nächsten Dienstag. Mann, wenn jetzt noch was schief geht…“
Bruckner stand regungslos in der Kabine. Als zwei Händetrockner anfingen zu brummen, fluchte er und hielt die Luft an. „Ja, das ist wirklich abgefahren. Mir steckt der Stress noch in den Knochen, den ich hatte, meine Scheine anerkannt zu bekommen. Den Matheschein musste ich sogar nochmal schreiben!“
„Du kannst einem Mut machen. Komm lass uns noch einen Kaffee trinken, dann muss ich los, schließlich habe ich noch andere Hobbys. Im Gegensatz zu dir muss ich sehen wo mein Geld herkommt.“
Julius Bruckner hörte noch, wie die pfeifende Stimme sich für seine reichen Eltern entschuldigte, dann war er wieder alleine.
Was war das? Er war der Doktorvater von Herrn Schmitt. Es konnte nur ein Irrtum sein, ein blöder Scherz von Schmitts Kollegen. Der Termin stand lange fest und zwar mit ihm persönlich als Prüfungsvorsitzender. Alles andere wäre Unsinn! Der stark verkalkte Wasserhahn klemmte und als er ihn endlich zum Laufen brachte und seine Hände unter das tröpfelnde Wasser hielt, schüttelte es ihn vor Kälte. Der Spiegel über dem Waschbecken war verschmiert und am Rand fehlte eine Ecke, dennoch konnte er deutlich seine Zweifel erkennen. Grübelnd lief er den langen Gang zurück, um in einen gerade ankommenden Aufzug zu steigen. In seiner Professur angekommen hieß sein erstes Ziel Frau Vatenstedt. Zwar glaubte er nicht, dass sie helfen konnte, aber ein Versuch war es ihm wert. Ohne den geringsten Skrupel, sie beim Erneuern ihrer Fingernagelfarbe zu störten, begann der Professor: „Es wäre toll, wenn Sie mir die Akte von Herrn Stephan Schmitt bringen könnten.“
Ihre Augen glänzten. „Assistent Schmitt? Dieser muskulöse, blonde …?“ Es blieb ihr Geheimnis, ob sie wegen der zusätzlichen Arbeit oder wegen des Gedankens an den gut aussehenden Studenten vernehmlich seufzte. Der Professor nickte ihr ein „Ja“ zu, um ohne weitere Worte in sein Büro zu gehen.
Er rückte einen spartanischen Stuhl zurecht und legte die Hände auf den rustikalen Schreibtisch, als würde er sie heute nicht mehr benötigen. „Hatte er Wahnvorstellungen?“ Er spürte dem Gefühl die Kontrolle zu verlieren nach, doch dann schlug er auf den Tisch. „Alles Unsinn. Er würde warten und Tee trinken. Altes Hausrezept. Gerade wollte er Frau Vatenstedt um eine Tasse Darjeeling bitten, als sie die Tür öffnete.
„Entschuldigung, ging leider nicht schneller.“ Sie warf eine braune Hängeregisterakte auf seinen Tisch. „Zwei Ihrer Studenten haben mich aufgehalten. Sie fragten, wann die heute ausgefallene Vorlesung nachgeholt wird?“ Mit dümmlichem Grinsen fügte sie hinzu: „Waren Sie heute nicht in einer Vorlesung?“
Er zuckte zusammen. „Verdammt die Vorlesung.“
Er war wirklich nicht auf der Höhe, musste dringend etwas ändern. Seine Schusseligkeit würde bald auffallen und ihn in Rente schicken. Er schluckte und bemüht freundlich sagte er: „Danke für die Akte. Wenn Sie so nett wären, mir noch eine Tasse Tee zu bringen. Den Rest des Tages brauche ich Sie nicht mehr.“
Nachdem Frau Vatenstedt einen First Flush gebracht hatte, konnte sie nicht schnell genug verschwinden. Den Klutje Kandis hatte sie auf ein kleines Tablett neben dem White China Porzellan gelegt, denn er liebte es, dem leisen Knistern des Kandis zuzuhören, wenn die Hitze den Zucker aufspringen ließ, um sich im Tee auszubreiten. Leider zählte nur Tee kochen zu ihren Stärken. Dies wurde ihm schlagartig klar, als er den Aktendeckel umschlug und ihm kleine gelbe Zettel entgegen strahlten.
„Du meine Güte!“ sprach er zu sich selbst. „Die und ihre gelben Zettel.“ Davon konnte man Alpträume bekommen. Er schob die Akte wieder weg und hob die Tasse an seine Lippen. Vielleicht sollte er das Ganze vergessen und nach Hause fahren. Warum regte er sich überhaupt auf? Schließlich war nichts passiert. Eine verpasste Vorlesung, was soll`s? Er hatte Kollegen, die mit ihren Pflichten schlampiger umgingen. Stephan Schmitts Akte in der Hand stand er auf, lief hin und her und blätterte dabei sorgfältig um. Seite für Seite. Frau Vatenstedt hatte ganze Arbeit geleistet. Nichts. Nicht einmal eine aktuelle Adresse war zu finden. Eine Adresse irgendwo im Osten, wahrscheinlich sein Elternhaus. Vor drei Jahren hatte man Schmitt als wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt und seit eineinhalb Jahren schrieb er seine Doktorarbeit bei ihm und diese Akte enthielt einzig den Wohnsitz seiner Kindheit! Immerhin wusste seine Sekretärin genau was fehlte, denn jeder einzelne gelbe Zettel stand für eine noch einzutragende Adresse, Telefonnummer oder noch einzureichenden Bescheinigung. Was ihn aber am meisten wunderte war, dass diese Zettel alle noch hielten. Vielleicht sollte er beim Hersteller für einen Werbespot vorsprechen. Frau Vatenstedt würde sich im Abendprogramm bestimmt gut machen. Tiefes Grummeln ließ ihn aufhorchen, doch diesmal knurrte nur sein Magen. Er beschloss in die Kantine zu gehen und sich nicht von Kleinigkeiten aus der Bahn werfen zu lassen. Wenn er das nicht hinbekam, konnte er sich gleich selbst vor die Bahn werfen.
Thomas Horn